Fachwissen für Familien

Warum Gefühle lernen, genauso wichtig ist wie Lesen und Schreiben

Wenn wir an die Entwicklung unserer Kinder denken, fallen uns meist zuerst Dinge wie Laufen lernen, Sprechen oder später Lesen und Schreiben ein. Doch eine Fähigkeit begleitet sie ein Leben lang – oft unsichtbar, aber entscheidend: die emotionale Entwicklung.

Gefühle zu erkennen, zu verstehen und angemessen auszudrücken, ist die Basis für stabile Beziehungen, Selbstvertrauen und psychische Gesundheit. Und das Beste – oder auch die größte Verantwortung: Wir Eltern spielen dabei eine Schlüsselrolle.


Was bedeutet emotionale Entwicklung eigentlich?

Emotionale Entwicklung beschreibt den Prozess, in dem Kinder:

  • ihre eigenen Gefühle wahrnehmen
  • lernen, diese zu benennen
  • mit intensiven Emotionen umgehen
  • Empathie für andere entwickeln
  • Strategien zur Selbstregulation aufbauen

Dieser Prozess beginnt ab der Geburt und zieht sich durch die gesamte Kindheit – und darüber hinaus. Bereits Babys erleben grundlegende Gefühle wie Freude, Angst oder Wut. In dieser Phase geht es vor allem um Bindung. Wenn Bezugspersonen zuverlässig reagieren, entsteht Urvertrauen.

Ein Baby, das getröstet wird, wenn es weint, lernt:

Meine Gefühle sind wichtig. Ich werde gesehen.

Hier wird der Grundstein für spätere emotionale Stabilität gelegt.


Große Gefühle, kleine Kontrolle

In der sogenannten Autonomiephase erleben Kinder intensive Emotionen – Wutanfälle inklusive. Das Gehirn ist noch nicht reif genug, um Impulse gut zu steuern.

Kinder brauchen jetzt:

  • Begleitung statt Bestrafung
  • Worte für ihre Gefühle
  • Verständnis für ihre Überforderung

Sätze wie „Ich sehe, dass du gerade sehr wütend bist“ helfen mehr als „Jetzt hör endlich auf!“.


4–6 Jahre: Empathie & soziale Kompetenzen

Kinder beginnen nun, sich besser in andere hineinzuversetzen. Sie lernen, dass auch andere Gefühle haben.

Rollenspiele, Vorlesen und Gespräche über Emotionen fördern in dieser Phase die emotionale Intelligenz enorm.


🎒 Schulalter: Selbstregulation & Selbstwert

Mit zunehmendem Alter entwickeln Kinder Strategien, um mit Enttäuschung, Leistungsdruck oder Konflikten umzugehen. Dabei spielt der Selbstwert eine entscheidende Rolle.

Ein Kind, das gelernt hat:

Fehler sind okay. Ich darf traurig oder frustriert sein.

Wird später resilienter durchs Leben gehen.


7 praktische Tipps welche mir persönlich sehr geholfen haben:

1. Gefühle benennen

Ich habe mittlerweile echt viele Ratgeber zum Thema Gefühle und Kinder durch. Ein großer „AH-Moment“ war, meinen Kindern zu vermitteln, wie wichtig es ist, Worte für sein Erleben zu finden: „Du bist enttäuscht, weil das Spiel vorbei ist.“ „Ich sehe, du bist traurig, weil der Turm kaputtgegangen ist.“ Denn nur so kann es benennen, warum es in manchen Momenten so reagiert und auch für uns Erwachsene ist das Verhalten dann meistens leichter zu verstehen. Ein Wahnsinnes Schritt, wenn dies immer besser klappt! Probiert es doch mal aus 😉

2. Gefühle erlauben – Verhalten begleiten

Wie in allen Familien gibt es bei uns Regeln und eine ganz wichtige Regel in meiner Familie ist: alle Gefühle sind okay aber nicht jedes Verhalten! „Du darfst wütend sein, aber ich lasse nicht zu, dass du schlägst.“ Da wir in manchen Gefühlslagen auch grenzüberschreitend werden können und in einem gewissen Alter dies auch noch ein Stück weit „normal“ ist, greife ich dieses Thema bereits seit dem Kleinkindalter auf. Kinder brauchen Zeit, um dies zu erlernen und je häufiger und präsenter wir dies thematisieren um so leichter fällt es ihnen. Gemeinsam nach Lösungsstrategien zu suchen, finde ich auch sehr wichtig. Hier gibt es viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel ein Plakat von Familienregeln gemeinsam zu gestalten.

3. Selbst ruhig bleiben (so gut es geht)

Das ist ein Punkt, der auch für mich täglich eine neue Herausforderung darstellt. Kinder brauchen ein reguliertes Nervensystem – deins. Hier muss von uns Erwachsenen jeder seinen eigenen Weg finden. Nehmt euch Zeit, reflektiert euch selbst. Fühlt ihr euch gestresst? Woran liegt es, dass ihr bei Kleinigkeiten schon ausflippt? Findet euren Weg aus der Stressspirale. Brauchst du einfach mal eine kurze Pause?

4. Aktiv zuhören

Auch wenn es uns häufig nicht leichtfällt und der Alltag es nicht immer zulässt. Hinterfrage und zeige Interesse am Handeln deines Kindes. Versuche mal nicht sofort Lösungen anzubieten. Manchmal reicht ein: „Erzähl mir mehr“, und die Kids werden immer stärker in ihrem Sein und den kreativen Lösungsfindungen. 

5. Eigene Gefühle zeigen

„Mir ist gerade alles zu viel und ich brauche kurz eine Pause.“ Wie häufig hast du diesen Satz schon zu deinen Kindern gesagt? Ich gebe zu, für mich war das ein langer Prozess. Aber warum eigentlich? Es ist doch legitim, dass auch uns Erwachsenen bzw. Eltern einfach alles mal zu viel wird. Warum sollten wir dies nicht auch offen und ehrlich zeigen dürfen? In unserer Gesellschaft wird es meiner Meinung nach immer wichtiger dies zu zeigen! Für mich ich es eins der wichtigsten Punkte überhaupt. Wie sollen unsere Kinder ihre Gefühle richtig benennen können, wenn wir es ihnen nicht auch so vorleben? Wir sind Vorbilder und so können wir unseren Kindern ermöglichen einen gesunden Umgang mit Emotionen zu erlernen. 

6. Rituale schaffen

Sicherheit stärkt die emotionale Stabilität. Dabei helfen uns im Familienalltag gerade abends unsere festen Abläufe bzw. Rituale sehr. Sie geben uns Struktur und bieten zugleich Möglichkeiten, um sich ggf. über Erlebtes auszutauschen. Denn meiner Erfahrung nach entstehen die besten Gespräche über unsere Empfindungen meist abends. 

7. Bindung vor Erziehung

Einer meiner größten „Learnings“ in Bezug auf Gefühle mit Kindern war… Manchmal braucht es nicht mehr als einfach nur „da zu sein“. Gemeinsam auf das Ende des Gefühlssturms zu warten. Unsere Kids brauchen in diesen aufreibenden Momenten nur unsere Nähe & Sicherheit, keine Vorträge. Sie könnten unseren Erklärungen in diesem Zustand sowieso nicht folgen. Nehmt euch die Zeit und schafft das gemeinsam. Auch das wird meiner Erfahrung nach, von einem Ausbruch zum nächsten immer leichter. 


Ein wichtiger Gedanke zum Schluss

Emotionale Entwicklung ist kein Wettlauf. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Es geht nicht darum, perfekt zu reagieren – sondern echt, präsent und liebevoll zu sein.

Wir dürfen alle Fehler machen. Entscheidend ist, dass wir bereit sind, immer wieder in Verbindung zu gehen und uns in unserem Verhalten zu reflektieren. 

Denn am Ende erinnern sich Kinder nicht daran, ob der Haushalt perfekt war – sondern daran, wie sie sich bei uns gefühlt haben. ❤️


Mich interessieren eure Erfahrungen damit. Wie geht ihr mit dem Erlernen der Gefühle um?

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